Die historischen Hintergründe des Konzils von Konstanz (1414–1418) Das Konzil von Konstanz gehört zu den wichtigsten Ereignissen der europäischen Kirchen- und Politikgeschichte des Spätmittelalters. Um zu verstehen, warum dieses Konzil notwendig wurde, muss man mehrere Entwicklungen betrachten: die Krise der Kirche, das sogenannte Grosse Abendländische Schisma, Reformforderungen innerhalb der Kirche sowie politische Machtkämpfe zwischen Päpsten, Königen und Fürsten.

1. Die Krise der Kirche im Spätmittelalter Im 14. und frühen 15. Jahrhundert befand sich die katholische Kirche in einer tiefen Krise. Viele Gläubige kritisierten:
Die Kirche hatte im Mittelalter nicht nur religiöse Autorität, sondern auch grosse politische und wirtschaftliche Macht. Diese Macht führte zunehmend zu Konflikten mit weltlichen Herrschern und innerhalb der Kirche selbst. 2. Das Papsttum in Avignon (1309–1377) Ein wichtiger Auslöser der späteren Krise war die sogenannte Avignonesische Papstzeit. Zwischen 1309 und 1377 residierten die Päpste nicht in Rom, sondern im südfranzösischen Avignon. Diese Situation entstand unter starkem Einfluss der französischen Krone. Viele Zeitgenossen kritisierten, dass:
Der Dichter Francesco Petrarca nannte Avignon sogar: „Das babylonische Exil der Kirche.“ Die Rückkehr des Papstes nach Rom im Jahr 1377 sollte diese Krise eigentlich beenden – doch stattdessen entstand eine noch grössere. 3. Das Grosse Abendländische Schisma (1378–1417) Nach dem Tod von Papst Gregor XI. im Jahr 1378 kam es zu einer dramatischen Spaltung. Unter starkem Druck der römischen Bevölkerung wurde ein Italiener zum Papst gewählt: Papst Urban VI. Viele Kardinäle erklärten später jedoch, sie hätten unter Zwang gewählt und erklärten die Wahl für ungültig. Sie wählten daraufhin einen Gegenpapst: Papst Clemens VII. Dieser residierte wieder in Avignon. Damit existierten plötzlich zwei rivalisierende Päpste. Europa spaltet sich Die europäischen Staaten entschieden sich jeweils für einen der beiden Päpste. Beispielsweise: Unterstützer des Papstes in Rom
Unterstützer des Papstes in Avignon
Die Christenheit war somit in zwei Lager gespalten. 4. Der Versuch einer Lösung: Das Konzil von Pisa (1409) Die Situation wurde immer unerträglicher. Deshalb versuchten Kardinäle beider Lager eine Lösung. Sie beriefen 1409 das Konzil von Pisa ein. Dort erklärten sie:
Doch das Problem wurde dadurch nicht gelöst. Die beiden bisherigen Päpste akzeptierten ihre Absetzung nicht. Damit gab es plötzlich drei Päpste gleichzeitig:
Die Situation wurde nun noch chaotischer. 5. Reformbewegungen innerhalb der Kirche Parallel zur Papstkrise entstanden starke Reformbewegungen. Viele Theologen und Prediger verlangten:
Diese Bewegung nennt man Konziliarismus. Ihre zentrale Idee war: Ein allgemeines Kirchenkonzil steht über dem Papst. 6. Jan Hus und die böhmische Reformbewegung Eine der wichtigsten Reformbewegungen entstand in Böhmen. Dort predigte der Theologe Jan Hus, Professor an der Universität Prag. Er kritisierte:
Hus orientierte sich teilweise an den Ideen des englischen Reformers John Wyclif. Seine Predigten fanden grosse Unterstützung beim Volk und beim böhmischen Adel. Doch die Kirche betrachtete seine Lehren zunehmend als gefährlich und ketzerisch. 7. König Sigismund und die Einberufung des Konzils Die Lösung der Kirchenkrise wurde schliesslich von einem weltlichen Herrscher vorangetrieben: König Sigismund, der spätere Kaiser des Heiligen Römischen Reiches. Sigismund erkannte, dass die Spaltung der Kirche auch die politische Ordnung Europas gefährdete. Er setzte sich deshalb für ein neues grosses Konzil ein. Schliesslich wurde beschlossen, ein allgemeines Kirchenkonzil einzuberufen. Der Ort sollte sein: Konstanz am Bodensee Der Beginn wurde auf 1414 festgelegt. 8. Warum Konstanz? Konstanz wurde aus mehreren Gründen ausgewählt:
Ausserdem konnte König Sigismund dort für Sicherheit und Ordnung sorgen. 9. Ziel des Konzils Das Konzil hatte drei Hauptziele: 1. Beendigung des Schismas Es sollte wieder nur einen Papst geben. 2. Kirchenreform Korruption und Missstände sollten bekämpft werden. 3. Bekämpfung von Häresien Vor allem die Lehren von Jan Hus und anderen Reformern sollten geprüft werden. 10. Beginn des Konzils 1414 Das Konzil begann offiziell im November 1414. Es entwickelte sich schnell zum grössten politischen und religiösen Treffen des Mittelalters. Schätzungen sprechen von:
Konstanz wurde für mehrere Jahre zum Zentrum der europäischen Politik. 11. Bedeutung der historischen Hintergründe Die Hintergründe des Konzils zeigen, wie tief die Krise der Kirche geworden war. Es ging nicht nur um religiöse Fragen, sondern auch um:
Das Konzil war daher sowohl ein kirchliches als auch ein europäisches Grossereignis. 12. Ergebnis (kurzer Ausblick) Das Konzil dauerte bis 1418. Seine wichtigsten Ergebnisse waren:
Doch die Reformforderungen wurden nur teilweise umgesetzt. Die ungelösten Probleme der Kirche führten später zu neuen Reformbewegungen – und schliesslich im 16. Jahrhundert zur Reformation.